Lieferkettenprüfungen mit Augenmaß: So machen Sie Lieferantendaten belastbar
Von Jannik Hassel, Wirtschaftsprüfer, justReporting GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Stand: September 2026.
Viele Unternehmen haben ihre Anforderungen an Lieferanten längst formuliert. Eine verbreitete Vorgabe lautet etwa, dass die für das eigene Haus gefertigten Produkte zu 100 Prozent mit Grünstrom hergestellt werden. Die Lieferanten haben das per Eigenverpflichtung bestätigt. Damit ist der erste Schritt getan, aber eben nur der erste. Denn eine Eigenverpflichtung ist eine Zusage, kein Nachweis. Die eigentliche Frage lautet: Stimmt das auch? Und wie finden Sie das heraus, ohne Ihre Lieferantenbeziehungen mit Bürokratie zu überziehen?
Inhalt
- Warum Lieferkettenprüfungen jetzt strategisch wichtig sind
- Worum es in der Praxis wirklich geht
- Die häufigsten Schwachstellen im Unternehmen
- Ein pragmatischer Prüfpfad für den Alltag
- Welche Nachweise wirklich helfen
- Wer darf Herkunftsnachweise überhaupt entwerten?
- Was bringt der Grünstrom des Lieferanten für Ihre eigene Bilanz?
- Was ändert sich am 27. September 2026 für Ihre Werbeaussagen?
- Wie Einkauf, Compliance und Finance zusammenfinden
- Was externe Prüfungen leichter macht
- Fazit: Weniger Reibung, mehr Verlässlichkeit
- Jetzt den Prüfprozess sauber aufsetzen
- Für wen dieser Beitrag gedacht ist
- Wie und wo wir arbeiten
Warum Lieferkettenprüfungen jetzt strategisch wichtig sind
Anforderungen an Lieferanten zu stellen, ist heute Standard. Grünstrom in der Fertigung, CO2-Reduktionspfade, Ausschluss bestimmter Materialien, Einhaltung eines Verhaltenskodex. Die Zusagen liegen vor, meist als unterschriebene Eigenverpflichtung oder ausgefüllter Fragebogen. Der Ordner ist voll.
Sobald diese Zusagen aber weiterwirken, ändert sich die Lage. Sie fließen in Ihre eigene Scope-3-Bilanz ein. Sie stützen Aussagen gegenüber Ihren eigenen Kunden, gegenüber Rating-Agenturen und in Ausschreibungen. Sie erscheinen im Nachhaltigkeitsbericht und manchmal auch in der Produktkommunikation. Ab diesem Moment ist es Ihre Aussage, nicht mehr die des Lieferanten.
Dazu kommt die Größenordnung. Nach Auswertungen von CDP und BCG liegen die vorgelagerten Scope-3-Emissionen berichtender Unternehmen im Durchschnitt um ein Vielfaches über ihren Emissionen aus Scope 1 und 2 zusammen. Im eigenen Werk lässt sich vieles optimieren, der eigentliche Hebel liegt aber davor. Wer seine Klimaziele ernst meint, kommt an der Lieferkette nicht vorbei, und wer dort ansetzt, braucht Angaben, auf die er sich verlassen kann.
Ein zweiter Grund hat mit Klima zunächst wenig zu tun. Geopolitische Verwerfungen, Zölle, Sanktionen, Energiepreissprünge und Produktionsausfälle haben in den vergangenen Jahren gezeigt, wie wenig viele Unternehmen über ihre eigene Lieferkette tatsächlich wissen. Wer erst im Krisenfall herausfindet, welches Werk welches Teil fertigt und wovon dieses Werk abhängt, verliert Zeit, die er nicht hat. Die Informationen, die Sie für Nachhaltigkeitsnachweise ohnehin erheben, also Standorte, produzierende Einheiten, Energiebezug und Abhängigkeiten, sind weitgehend dieselben, die eine resiliente Lieferkette braucht. Der Aufwand zahlt zweimal ein.
Deshalb gehen zunehmend Unternehmen den nächsten Schritt: Sie lassen die Eigenverpflichtungen untersuchen. Nicht flächendeckend und nicht in der Tiefe einer Prüfung, sondern stichprobenbasiert, nach Risiko skaliert und im Aufwand auf das zugeschnitten, was ein Lieferant realistisch leisten kann. Das ist kein Misstrauensvotum. Es ist der Unterschied zwischen einer Absichtserklärung und einer belastbaren Information.
Worum es in der Praxis wirklich geht
In der Theorie klingt es simpel: Anforderung stellen, Bestätigung einholen, fertig. In der Praxis zeigt sich schnell, dass die Beteiligten dasselbe Wort unterschiedlich verstehen.
Nehmen wir die Anforderung 100 Prozent Grünstrom. Für den einen Lieferanten heißt das: Der Konzern hat einen Ökostromtarif. Für den anderen: Das Werk bezieht Strom mit Herkunftsnachweisen. Für den dritten: Es gibt eine PV-Anlage auf dem Dach, die einen Teil des Bedarfs deckt. Alle drei bestätigen guten Gewissens dieselbe Zusage, und alle drei meinen etwas anderes. Ein vierter rechnet seinen Blockheizkraftwerksstrom mit ein, weil er ihn für effizient und damit für grün hält. Hinzu kommen Fragen, die in der Zusage gar nicht auftauchen: Bezieht sich die Aussage auf das Werk, das tatsächlich für Sie fertigt, oder auf den Gesamtkonzern? Auf welchen Zeitraum? Und decken die Nachweise den Verbrauch mengenmäßig überhaupt ab?
Schon die Begriffe tragen weit weniger, als alle annehmen. CO2-arm und erneuerbar werden im Alltag oft synonym verwendet, meinen aber Unterschiedliches. Strom aus Kernkraft, aus Erdgas-Kraft-Wärme-Kopplung oder aus Abfallverbrennung gilt in vielen Anforderungskatalogen nicht als erneuerbar, obwohl er emissionsarm sein kann. Wer das nicht ausdrücklich klarstellt, bekommt Zusagen, die auf einem anderen Verständnis beruhen als dem eigenen.
Dazu kommt eine Beobachtung, die wir in der eigenen Praxis regelmäßig machen: Lieferanten geben Erklärungen ab, ohne im Detail zu wissen, worauf sie sich beziehen. Das ist in aller Regel keine böse Absicht. Im Berufsalltag fällt es schwer, jede umfangreiche Kundenrichtlinie vollständig zu lesen und im Detail auf die eigenen Standorte zu übertragen. Man erfasst die Kernaussage, hält sie für erfüllt und bestätigt in gutem Glauben. Solange niemand nachfragt, fällt der Unterschied zwischen Annahme und Nachweis auch niemandem auf.
Verstärkt wird das durch die schiere Menge. Ein mittelständischer Zulieferer erhält heute Anforderungen von zahlreichen Kunden, dazu Plattformabfragen, Zertifizierungsauflagen und eigene Berichtspflichten. Jede einzelne davon inhaltlich zu durchdringen, ist im Tagesgeschäft kaum leistbar. Wer in dieser Lage einen überlangen Fragebogen verschickt, bekommt die Qualität zurück, die der verfügbare Aufwand hergibt.
Für Sie folgt daraus zweierlei. Eine unzutreffende Erklärung ist meistens kein Compliance-Fall, sondern ein Verständnisproblem, das sich mit einer präzisen Anforderung und einer gezielten Rückfrage klären lässt. Und die Qualität Ihrer Frage entscheidet über die Qualität der Antwort.
Belastbarkeit entsteht deshalb nicht durch mehr Dokumente, sondern durch Präzision. Zuerst muss die Anforderung so scharf formuliert sein, dass sie überprüfbar ist. Danach lässt sich mit wenigen gezielten Handlungen feststellen, ob sie erfüllt ist.
Ein solider Start besteht meistens aus drei Fragen:
1. Was genau verlangen Sie, bezogen auf welchen Standort, welchen Zeitraum und welche Nachweisform?
2. Bei welchen Lieferanten wirkt sich eine falsche Angabe für Sie tatsächlich aus?
3. Welcher Nachweis würde die Zusage belegen, und mit welchem Aufwand kann der Lieferant ihn liefern?
Wenn diese drei Punkte geklärt sind, wird der Untersuchungsumfang oft deutlich überschaubarer.
Die häufigsten Schwachstellen im Unternehmen
Viele Probleme entstehen nicht, weil jemand täuschen will. Sondern weil die Anforderung Interpretationsspielraum lässt und die Rückläufe nicht inhaltlich ausgewertet wurden.
Typische Schwachstellen sind:
- Eigenverpflichtungen, die unterschrieben, abgelegt und inhaltlich nicht ausgewertet wurden
- Erklärungen, die der Lieferant guten Glaubens abgegeben hat, ohne die Anforderung im Detail zu kennen
- Anforderungen ohne Bezug auf Standort, Zeitraum und Mengengerüst, dadurch faktisch nicht überprüfbar
- Zusagen auf Konzernebene, während für Sie ein einzelnes Werk fertigt
- Nachweise, die den tatsächlichen Verbrauch nur teilweise abdecken, ohne dass es jemandem auffällt
- Verwechslung von Vertragsdokument und Nachweis, etwa Ökostromvertrag statt Beleg über entwertete Herkunftsnachweise
- eingereichte Managementsystem-Zertifikate, weil sie vorliegen, obwohl die Anforderung eine Mengenaussage verlangt
- überlange Fragebögen, die Lieferanten überfordern und dadurch die Rücklaufqualität senken
- keine Unterscheidung zwischen extern untersuchten, intern plausibilisierten und ungeprüften Angaben
- Prozesse, die bei Personalwechsel ins Stocken geraten
Der vorletzte Punkt wird unterschätzt. Solange alle Angaben gleich aussehen, kann niemand entscheiden, welche man unverändert weitergibt und welche einen Vorbehalt braucht. Eine Angabe ohne Qualitätskennzeichen ist im Zweifel ein Risiko, kein Nachweis.
Ein pragmatischer Prüfpfad für den Alltag
Ein alltagstauglicher Prüfpfad muss nicht kompliziert sein. Er sollte eindeutig, dokumentierbar und wiederholbar sein. Und er sollte für den Regelfall mit überschaubarem Aufwand funktionieren.
1. Anforderung überprüfbar formulieren
Bevor untersucht wird, muss feststehen, woran gemessen wird. Für die Grünstromanforderung heißt das etwa: bezogen auf die Produktionsstandorte, an denen für uns gefertigt wird, für das abgelaufene Kalenderjahr, nachgewiesen durch entwertete Herkunftsnachweise oder gleichwertige Belege, mengenmäßig deckend zum Stromverbrauch des Standorts. Erst eine solche Präzisierung macht die Zusage überprüfbar.
Und noch etwas gehört hierher, weil es später über den gesamten Aufwand entscheidet: Meist gibt es zwei Wege, die Anforderung zu erfüllen. Entweder der gesamte Standort läuft auf grünem Strom, dann ist keine Zuordnung nötig und der Nachweis ist schlank. Oder nur der auf Ihre Fertigung entfallende Anteil ist grün, dann braucht es eine Allokation, eine zweckgebundene Entwertung der Nachweise und deutlich mehr Dokumentation. Beide Wege sind legitim. Wer sie in der Anforderung benennt und den einfacheren aktiv empfiehlt, erspart vielen Lieferanten einen Aufwand, den sie sich sonst unbemerkt selbst aufhalsen.
2. Grundgesamtheit bilden und Risiko einstufen
Welche Lieferanten fallen unter die Anforderung, und wo hätte eine falsche Angabe für Sie spürbare Folgen? Einkaufsvolumen, Energieintensität der Fertigung, Herkunftsland, Bedeutung für eigene Berichts- oder Kundenzusagen. Aus dieser Einstufung ergibt sich die Untersuchungstiefe, nicht aus dem Bauchgefühl.
3. Stichprobe ziehen und Untersuchungstiefe skalieren
Nicht jeder Lieferant braucht dieselbe Behandlung. Bewährt hat sich ein gestuftes Vorgehen, bei dem die Untersuchungstiefe mit dem Risiko steigt, von einer formalen Durchsicht bis zur vertieften Untersuchung weniger kritischer Fälle. Die Auswahl sollte nachvollziehbar sein und sich über die Jahre verändern.
4. Aufwand beim Lieferanten begrenzen
Das ist der Punkt, an dem viele Programme kippen. Wer sehr viele Felder abfragt, bekommt schnell ausgefüllte Felder. Wer stattdessen wenige konkrete Dokumente anfordert und erklärt, wofür sie gebraucht werden, bekommt verwertbare Nachweise. Formulieren Sie die Anfrage so, dass der Lieferant sie an seinen Energieversorger weiterreichen kann, ohne selbst zum Fachexperten werden zu müssen. Klare Vorlagen und eine Ansprechperson für Rückfragen wirken erfahrungsgemäß mehr als jede weitere Seite Richtlinie.
5. Abweichungen bewerten und nachverfolgen
Entscheidend ist nicht nur, was eingeht, sondern wie Sie damit umgehen. Welche Abweichung ist gering, welche wesentlich? Wann reicht eine Nachforderung, wann braucht es einen Maßnahmenplan mit Frist? Und was gilt bis dahin in Ihrer eigenen Berichterstattung? Diese Bewertungslogik sollte vorher festgelegt sein, nicht im Einzelfall verhandelt werden.
Dazu gehört auch der unspektakuläre Teil: eine feste Frist, ein einziger Abgabekanal und eine klare Aussage, was passiert, wenn nichts kommt. Ein Lieferant, der die Anforderung inhaltlich erfüllt, aber den Nachweis nicht fristgerecht einreicht, erzeugt für Sie dasselbe Problem wie einer, der sie nicht erfüllt. Beides muss vorher geregelt sein.
Welche Nachweise wirklich helfen
Hier lohnt sich ein nüchterner Blick. Nicht jedes Dokument ist gleich wertvoll. Manche sehen formal überzeugend aus und sagen zur eigentlichen Frage wenig. Am Beispiel Grünstrom lässt sich das gut zeigen.
Aussagekräftig sind vor allem:
- Entwertungsnachweise für Energieattributzertifikate, je nach Markt Herkunftsnachweise oder vergleichbare Zertifikate, mit Angaben zu Menge, Erzeugungszeitraum und Herkunft. Entscheidend ist die Entwertung mit Zuordnung zum belieferten Standort, nicht der bloße Besitz.
- Die eindeutige Zweckbestimmung der Entwertung, wenn nur ein Teil der Strommenge Ihrer Fertigung zugeordnet wird. Ohne diese Angabe lässt sich nicht ausschließen, dass dieselbe Menge einem zweiten Kunden gemeldet wurde.
- Der Stromliefervertrag oder das PPA mit Angabe des belieferten Standorts und der vertraglichen Grünstromzusage, ergänzt um die Stromkennzeichnung des Versorgers für das betreffende Jahr. Wichtig ist dabei die Unterscheidung: Beim physischen PPA ist der Strom vertraglich zugeordnet, beim virtuellen oder finanziellen PPA handelt es sich um ein Finanzgeschäft, bei dem die Zuordnung im Wesentlichen über die Zertifikate läuft. Für die Nachweisführung ist das ein erheblicher Unterschied, der häufig übersehen wird.
- Der Stromverbrauch des Standorts aus Zählerdaten oder Abrechnungen, denn erst der Mengenabgleich zeigt, ob die Nachweise den Verbrauch tatsächlich decken.
- Die Allokationsrechnung, wenn nicht der gesamte Standort grün beliefert wird, sondern nur der auf Sie entfallende Anteil, nachvollziehbar dokumentiert.
- Bei Eigenerzeugung die Angaben zur Anlage, die Zählerdaten zu Erzeugung und Eigenverbrauch sowie der Nachweis, dass der Strom nicht zusätzlich anderweitig vermarktet oder gefördert abgerechnet wurde.
- Die Zuordnung zur produzierenden Einheit, denn Vertragspartner, Zertifikatsinhaber und das Werk, das tatsächlich für Sie fertigt, sind häufig nicht dieselbe Gesellschaft.
Weniger hilfreich sind allgemeine Nachhaltigkeitsbroschüren, Konzernzertifikate ohne Werksbezug und Selbstauskünfte ohne Mengenangabe. Auch Managementsystem-Zertifikate wie ISO 50001 oder ISO 14001 helfen hier nur begrenzt: Sie sagen etwas über Prozesse aus, nicht über eine bestimmte Strommenge in einem bestimmten Jahr. Wichtig ist ohnehin der Zusammenhang. Ein Nachweis allein ersetzt keine Plausibilisierung. Erst der Abgleich von Verbrauch, Nachweismenge, Zeitraum und Standort ergibt ein Bild, mit dem Sie intern und extern arbeiten können.
Wer darf Herkunftsnachweise überhaupt entwerten?
In Deutschland entwertet in aller Regel nicht der Lieferant selbst, sondern dessen Stromlieferant. Diese Unterscheidung entscheidet darüber, ob eine Nachweisanforderung überhaupt erfüllbar ist, und sie wird in Anforderungskatalogen häufig unpräzise formuliert.
Der Hintergrund: Das Umweltbundesamt führt das Herkunftsnachweisregister und ist zuständig für Ausstellung, Übertragung und Entwertung. Herkunftsnachweise dienen nach den deutschen Vorgaben der Stromkennzeichnung durch Stromlieferanten. Ein produzierendes Unternehmen kann also in der Regel nicht einfach selbst Nachweise kaufen und entwerten lassen, um seine Bilanz zu verbessern. Wer von einem Lieferanten dessen eigenen Entwertungsnachweis verlangt, verlangt meist etwas, das es in dieser Form nicht gibt.
Verlangen sollten Sie stattdessen den Entwertungsnachweis des Stromlieferanten. Darin kann das Stromprodukt oder der Kunde angegeben werden, und diese Angabe trägt die Zuordnung zu Ihrem Lieferanten.
Auch der Zeitbezug ist geregelt und wird selten hinterfragt. Herkunftsnachweise müssen zeitlich zu den Strommengen passen, für die sie verwendet werden, und nicht entwertete Nachweise verfallen nach einer gesetzlich festgelegten Frist. Ein Nachweis aus einem früheren Jahr belegt für das laufende Jahr deshalb in aller Regel nichts.
Und ein häufiges Missverständnis bei Eigenerzeugung: Für Strom aus Anlagen, die eine Förderung nach dem EEG erhalten, werden grundsätzlich keine Herkunftsnachweise ausgestellt, und der Anlagenbetreiber darf für diesen Strom auch keine sonstigen Herkunftsnachweise weitergeben. Eine geförderte Photovoltaikanlage auf dem Dach liefert also grünen Strom, aber in der Regel keine handelbaren Nachweise.
Was bringt der Grünstrom des Lieferanten für Ihre eigene Bilanz?
Weniger, als die meisten annehmen, und das liegt an der Methodik, nicht am guten Willen des Lieferanten.
Das Greenhouse Gas Protocol verlangt in seiner Scope 2 Guidance die parallele Angabe zweier Methoden. Die standortbasierte Methode rechnet mit dem durchschnittlichen Netzmix und ändert sich durch den Bezug von Grünstrom nicht. Die marktbasierte Methode berücksichtigt vertragliche Instrumente, und dort wirken entwertete Herkunftsnachweise. Wenn Ihr Lieferant seinen Strombezug umstellt, senkt er also seinen marktbasierten Scope 2.
Ob das bei Ihnen ankommt, hängt davon ab, wie Sie Ihre Scope-3-Emissionen aus eingekauften Waren und Dienstleistungen berechnen. Rechnen Sie mit Durchschnittswerten nach Materialgruppe oder Einkaufsvolumen, kommt es in der Regel nicht an: Der Grünstrom des Lieferanten ist in diesen Durchschnitten nicht abgebildet. Erst wenn Sie mit lieferantenspezifischen Daten arbeiten, wird die Umstellung sichtbar. Das ist der Grund, warum Grünstromanforderungen in der Lieferkette oft viel Aufwand erzeugen und in der Bilanz trotzdem wenig bewegen.
Für die Nachweisqualität gibt die Scope 2 Guidance klare Kriterien vor, an denen sich eine Anforderung ausrichten sollte: Der Anspruch auf die Umwelteigenschaft muss einmalig sein, das Instrument muss durch das oder im Namen des berichtenden Unternehmens entwertet werden, es muss zeitlich möglichst nah am Verbrauch liegen und aus demselben Markt stammen.
Ein Ausblick, der in Einkaufsverträgen langsam ankommt: Das Greenhouse Gas Protocol überarbeitet die Scope 2 Guidance derzeit. In der Konsultation stand unter anderem eine stündliche Zuordnung von Erzeugung und Verbrauch zur Diskussion. Die Überarbeitung ist noch nicht abgeschlossen. Verpflichtend ist die stündliche Zuordnung heute also nicht, aber wer jetzt langfristige Anforderungen formuliert, sollte sie mitdenken.
Was ändert sich am 27. September 2026 für Ihre Werbeaussagen?
Ab diesem Tag sind mehrere Umweltaussagen im geschäftlichen Verkehr per se unzulässig, und das betrifft genau die Formulierungen, die aus Grünstromzusagen entstehen.
Grundlage ist die Änderung des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb, mit der die EU-Richtlinie zur Stärkung der Verbraucher für den ökologischen Wandel umgesetzt wird. Neu im UWG sind unter anderem drei Verbote: allgemeine Umweltaussagen ohne nachgewiesene hervorragende Umweltleistung, Umweltaussagen, die sich auf das Gesamtprodukt oder das gesamte Unternehmen beziehen, obwohl sie tatsächlich nur einen Teil betreffen, und Aussagen zu neutralen, verringerten oder positiven Klimaauswirkungen, die sich auf Kompensation stützen. Für Aussagen über künftige Umweltleistungen verlangt das UWG zudem einen detaillierten und überprüfbaren Umsetzungsplan.
Für die Lieferkette heißt das konkret: Die Aussage "unsere Produkte werden mit 100 Prozent Grünstrom gefertigt" muss sich auf die tatsächlich betroffene Menge und den tatsächlichen Standort beziehen und durch Nachweise gedeckt sein. Eine Zusage aus einem Lieferantenfragebogen ist dafür in der Regel keine ausreichende Grundlage. Wer ohnehin an einem Nachweisprozess arbeitet, arbeitet damit gleichzeitig an der wettbewerbsrechtlichen Absicherung seiner Kommunikation.
Häufig verwechselt wird das mit der sogenannten Green Claims Directive. Die ist ein anderes Vorhaben, das seit Mitte 2025 stockt und derzeit nicht in Kraft ist. Was ab September 2026 gilt, ist das geänderte UWG.
Wie Einkauf, Compliance und Finance zusammenfinden
Lieferkettenprüfungen scheitern selten am fehlenden Willen. Eher an Reibung zwischen Funktionen. Der Einkauf hält die Lieferantenbeziehung und will sie nicht durch immer neue Abfragen belasten. Die Nachhaltigkeitsabteilung weiß, welcher Nachweis fachlich trägt, hat aber keinen direkten Draht zum Lieferanten. Compliance braucht Verlässlichkeit. Finance braucht Dokumentation, weil die Ergebnisse am Ende in Bilanz-, Reporting- oder Prüfungszusammenhänge eingehen.
Der Hebel liegt weniger in einem neuen Tool als in drei Festlegungen: Wer verantwortet die Anforderung fachlich? Wer spricht mit dem Lieferanten? Wer entscheidet bei einer Abweichung, und ab wann wird eskaliert? Wenn diese Rollen benannt sind, entspannen sich viele Konflikte fast von selbst. Der Einkauf bleibt handlungsfähig, Compliance erhält einen belastbaren Prüfpfad, und Finance kann die Ergebnisse einordnen.
Die justReporting GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft begleitet Unternehmen dabei, solche Brücken zu bauen. Nicht mit theoretischen Schaubildern für die Schublade, sondern mit klaren Arbeitslogiken, die im Alltag standhalten sollen.
Was externe Prüfungen leichter macht
Sobald externe Fragen kommen, zeigt sich die Qualität des Systems. Das gilt für Kundenanfragen und Rating-Erhebungen ebenso wie für Finanzierungsprozesse, interne Kontrollen, die Prüfung der Nachhaltigkeitsberichterstattung oder die Frage, ob eine Werbeaussage haltbar ist.
Besonders hilfreich sind:
- eine dokumentierte, überprüfbar formulierte Anforderung an die Lieferanten
- nachvollziehbare Kriterien für Risikoklassen und Stichprobenauswahl
- standardisierte Untersuchungs- und Freigabeschritte mit klarer Tiefe je Stufe
- ein Qualitätskennzeichen je Angabe, inklusive Stichtag, Standortbezug und Nachweisart
- eine geordnete Ablage mit klarer Versionierung
- definierte Maßnahmen und Fristen bei Abweichungen
Zunehmend relevant wird auch die Frage, wer untersucht. Wenn Ergebnisse in die eigene Berichterstattung oder in Zusagen gegenüber Dritten einfließen, verlangen Anforderer immer häufiger die Einbindung eines unabhängigen Wirtschaftsprüfers nach anerkanntem Standard. Dafür gibt es zwei Formate, und der Unterschied zwischen ihnen ist erheblich.
Bei vereinbarten Untersuchungshandlungen nach ISRS 4400 (Revised) wird vorab festgelegt, welche Handlungen der Wirtschaftsprüfer vornimmt. Berichtet werden anschließend die Feststellungen. Ein solcher Auftrag ist ausdrücklich kein Auftrag zur Erlangung von Sicherheit: Es wird weder ein Prüfungsurteil noch eine prüferische Schlussfolgerung abgegeben, und der Bericht stellt das ausdrücklich klar. Der Leser zieht seine Schlüsse selbst. Gerade diese Beschränkung trägt dazu bei, dass das Format auch über eine große Lieferantenbasis hinweg mit vertretbarem Aufwand durchführbar ist.
Bei einer Prüfung mit begrenzter Sicherheit gibt der Prüfer dagegen eine eigene Aussage ab, ob ihm etwas bekannt geworden ist, das gegen die Angaben spricht. Maßgeblich ist dafür bislang vor allem ISAE 3000 (Revised); für Nachhaltigkeitsprüfungen tritt künftig ISSA 5000 an dessen Stelle. Der Aufwand liegt in der Regel deutlich höher.
Welches Format richtig ist, entscheidet sich daran, was der Empfänger mit der Information vorhat. Für die Absicherung einer Lieferantenzusage im Einkauf sind vereinbarte Untersuchungshandlungen meist das passendere Instrument. Fließt die Angabe dagegen in eine geprüfte Nachhaltigkeitsberichterstattung ein, kann mehr erforderlich sein.
Und ebenso wichtig: Keines dieser Formate ist eine Jahresabschlussprüfung, und keines soll es sein. Sie sollen dazu beitragen, dass offensichtlich Unzutreffendes nicht in Ihre Zahlen und Aussagen einfließt.
Fazit: Weniger Reibung, mehr Verlässlichkeit
Lieferkettenprüfungen müssen nicht schwerfällig werden. Im Gegenteil. Wenn Sie Ihre Anforderung präzise formulieren, risikobasiert priorisieren, stichprobenbasiert und skaliert vorgehen und den Aufwand beim Lieferanten bewusst klein halten, wird aus einer Sammlung unterschriebener Eigenverpflichtungen eine belastbare Informationsbasis. Genau das ist der eigentliche Nutzen.
Wer heute mit Augenmaß strukturiert, ist morgen bei Anfragen, Prüfungen und Berichtspflichten deutlich ruhiger unterwegs. Und mal ehrlich: Ein Prozess, der funktioniert, ist im Unternehmensalltag oft mehr wert als jede Hochglanzrichtlinie.
Jetzt den Prüfprozess sauber aufsetzen
Wenn Sie die Zusagen Ihrer Lieferanten nachvollziehbar und alltagstauglich absichern möchten, lohnt sich ein strukturierter Blick auf Anforderung, Stichprobenlogik, Nachweisarten und Eskalationswege. Die justReporting GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft unterstützt Sie dabei, schlanke Untersuchungsprogramme zu entwickeln und bestehende Ansätze kritisch zu schärfen, mit besonderer Erfahrung bei Grünstromnachweisen.
Ein Beispiel aus unserer Praxis: Für die ZF Friedrichshafen AG, einen der weltweit größten Automobilzulieferer, haben wir einen Untersuchungsansatz für Grünstromzusagen in der Lieferkette entwickelt und führen dazu weltweit vereinbarte Untersuchungshandlungen nach ISRS 4400 (Revised) bei Lieferanten durch. Aus einer Eigenerklärung werden damit Feststellungen, die auf definierten Untersuchungshandlungen und vorgelegten Nachweisen beruhen.
Das Erstgespräch ist kostenfrei und unverbindlich, dauert 25 oder 50 Minuten und findet digital statt.
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Kontakt:
justReporting GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft
Rheinpromenade 2, 40789 Monheim am Rhein
Telefon: +49 211 74077093
Website: https://justreporting.eu
Für wen dieser Beitrag gedacht ist
Dieser Beitrag richtet sich an Einkaufsleiter, Nachhaltigkeitsverantwortliche und Compliance-Funktionen in Unternehmen, die Anforderungen an ihre Lieferanten stellen und die eingehenden Zusagen belastbar machen wollen, insbesondere bei Grünstrom in der Fertigung.
Die justReporting GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft führt in diesem Umfeld vereinbarte Untersuchungshandlungen nach ISRS 4400 (Revised) zu Grünstrom- und Herkunftsnachweisen durch, prüft Nachhaltigkeitsberichterstattung nach CSRD und ESRS, betreut Nachweise nach dem Energiefinanzierungsgesetz einschließlich der Besonderen Ausgleichsregelung und übernimmt gesetzliche Jahresabschlussprüfungen.
Wie und wo wir arbeiten
Unterlagen, Abstimmungen und Rückfragen laufen digital, vor Ort sind wir dort, wo es notwendig ist oder gewünscht wird. Regional sind wir im Raum Düsseldorf und Köln verankert, Kanzleisitz ist Monheim am Rhein. Mandate betreuen wir bundesweit.
Dieser Beitrag wurde mit Unterstützung von KI erstellt.
FAQ
Warum sind Lieferkettenprüfungen für Lieferantendaten zu Grünstrom ab September 2026 besonders wichtig?
Lieferkettenprüfungen sind ab September 2026 besonders wichtig, weil Lieferantendaten zu Grünstrom, Scope 3, Nachhaltigkeitsbericht, Ausschreibungen und Werbeaussagen belastbar belegt sein müssen. Eine Eigenverpflichtung des Lieferanten reicht dafür nicht aus. Unternehmen brauchen risikobasierte Prüfprozesse, um Compliance, Reporting und Kommunikation rechtssicher abzusichern.
Reicht eine Eigenverpflichtung des Lieferanten als Nachweis für 100 Prozent Grünstrom?
Nein, eine Eigenverpflichtung ist kein belastbarer Nachweis für 100 Prozent Grünstrom. Sie ist nur eine Zusage. Für belastbare Lieferantendaten braucht es prüfbare Angaben zu Standort, Zeitraum, Stromverbrauch und entwerteten Herkunftsnachweisen oder gleichwertigen Belegen. Erst der Mengen- und Standortbezug macht die Aussage verlässlich.
Welche Nachweise sind für Grünstrom in der Lieferkette wirklich relevant?
Relevant sind vor allem Entwertungsnachweise für Herkunftsnachweise oder andere Energieattributzertifikate, der Stromverbrauch des betroffenen Standorts, der Standortbezug, der Erzeugungszeitraum sowie bei Teilmengen eine nachvollziehbare Allokationsrechnung. Weniger hilfreich sind allgemeine Nachhaltigkeitsbroschüren, bloße Ökostromverträge oder Managementsystem-Zertifikate ohne Mengennachweis.
Wie gelingt eine schlanke, risikobasierte Prüfung von Lieferantendaten?
Eine schlanke, risikobasierte Prüfung gelingt mit klar formulierten Anforderungen, einer Risikoeinstufung der Lieferanten, einer nachvollziehbaren Stichprobe und wenigen gezielten Nachweisen statt langer Fragebögen. So werden Lieferkettenprüfungen dokumentierbar, wiederholbar und für Lieferanten zumutbar, ohne die Datenqualität für Compliance und Reporting zu gefährden.
Wer darf Herkunftsnachweise für Grünstrom in Deutschland entwerten?
In Deutschland entwertet Herkunftsnachweise für Grünstrom in der Regel nicht der Lieferant selbst, sondern der Stromlieferant über das Herkunftsnachweisregister des Umweltbundesamts. Deshalb sollte ein Unternehmen in der Lieferkette meist den Entwertungsnachweis des Stromlieferanten verlangen, nicht einen vermeintlichen Eigen-Nachweis des produzierenden Lieferanten.
Bringt Grünstrom des Lieferanten automatisch Vorteile für die eigene Scope-3-Bilanz?
Nein, Grünstrom des Lieferanten verbessert die eigene Scope-3-Bilanz nicht automatisch. Ein Effekt zeigt sich meist nur, wenn das Unternehmen mit lieferantenspezifischen Daten rechnet. Bei Durchschnittswerten nach Materialgruppe oder Einkaufsvolumen bleibt der Grünstrom des Lieferanten in der Scope-3-Berechnung oft unsichtbar.
Welches Prüfungsformat eignet sich für Lieferkettenprüfungen von Grünstromnachweisen?
Für Lieferkettenprüfungen von Grünstromnachweisen eignen sich häufig vereinbarte Untersuchungshandlungen nach ISRS 4400 (Revised). Dieses Format ist effizient, risikobasiert und auf konkrete Feststellungen ausgerichtet. Es ist besonders passend, wenn Lieferantenzusagen abgesichert werden sollen, ohne den Aufwand einer umfassenden Prüfung mit begrenzter Sicherheit auszulösen.